AGUS e.V.

- Gruppe Nürnberg -

Andacht für Holger im Scherbengottesdienst

Ja,
es gab viele Anzeichen.
Wir haben sie auch nicht übersehen.
Wir waren alarmiert und nahmen alle Hilfeangebote an.
Dennoch konnten wir dich nicht halten...

"Wenn alles schwarz, sogar die Tränen, dann ist es Zeit, zu gehen"
und
"Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns"
Schriebst du in deinem Abschiedsbrief.
"Holger verzweifelte am Leben"
stand auf deiner Todesanzeige.

Zurück blieben WIR, voller Ent-setzen,
Vater, Mutter, Bruder, Großeltern, Verwandte, Freunde und Freundinnen,
Mitschüler, Lehrer.

WIR konnten dich nicht halten.

Wie nach einem Erdbeben, wie nach einem Wirbelsturm,
wie nach einer unendlichen Sonnenfinsternis, war die Zeit danach.

Das Leben war in seinen Grundfesten erschüttert.

Der Traum von einer heilen und glücklichen Familie war zerbrochen
Die Schuldgefühle "Warum konnten wir dich nicht halten?" drückten uns
zu Boden.

Die dunkle Nacht wollte nicht enden.
Die Hände der Lebenden erreichten uns nicht mehr.
Jeder trauerte für sich allein…
Die Trostangebote waren wie dürres Laub, wie Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel waren verstummt.
Wir waren untröstlich, waren selbst wie tot.
Unsere Seele blieb betrübt und Gott war unendlich ferne...

Gehalten haben dann doch die Hände der Lebenden, die es mit uns
ausgehalten haben…
Menschen, die ganz einfach da waren, ohne viel zu fragen , einfach da.
Trost gaben Menschen mit ähnlichem Schicksal.
Und der Christus, der , ganz nahe an meinem Herzen der Untröstlichen
Trost geben konnte.
"Ich bin bei dir, alle Tage und Nächte ... bis zu deiner letzten Stunde!"

Und auch der Beerdigungstext aus dem Römerbrief , dass weder Tod noch Teufel, noch
dunkle Mächte und die Tiefe der Gewalten uns von der Liebe
Gottes trennen können.

Durch diesen Text gelang es mir langsam, in Jahresschritten, Dich
loszulassen und mich den Lebenden wieder zuzuwenden.

Mit der Kerze habe ich die Katakomben ausgeleuchtet und das Wunder
blieb nicht aus, weil das Wunder immer geschieht und wir ohne die Gnade
nicht leben können.

Wo stehe ich heute?

Wer den Sprung in den tiefen Brunnen, freiwillig oder unfreiwillig
vollzogen hat, verwandelt sich.
Nichts ist mehr wie zuvor, doch eine neue Dimension erreicht uns.
Es geht darum, die Ereignisse anzunehmen, auch die Schwersten
Und sich verwandeln zu lassen,
durchlässig zu werden und den Auftrag anzunehmen:
Geh, geh weiter.
Setz einen Fuß vor den anderen.
Von der Verzweiflung gehe weiter zum LEBEN und kümmere dich nicht
um das, was unmöglich erscheint.
Entzünde ein Feuer, selbst mit den Dornen, die dich zerreißen.

Nach der dunklen Nacht kann ich die Rose wieder sehen
— sie blühet ohn' warum —
Ich kann mich am Regenbogen freuen, dem Zeichen von Gottes heilem
Bund.
Ich kann wieder staunen.
ICH LEBE.

Was möchte ich weitergeben von diesen Erfahrungen?

Ein Leben als Fragment ist möglich!
Bei aller Sehnsucht nach Ganzheit ist es dies, worauf es ankommt:
Auch mit Brüchen
Enttäuschungen
Verlusten
fragmentarisch weiterzuleben,
denn SEINE Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Wir können die Ganzheit nie haben
Sie bleibt unsere unerfüllte Sehnsucht.

Die Sieger– und Spassgesellschaft,
sie zeigt nur eine Seite des Lebens,
die dunkle Nacht gehört zum Leben, wie der Abend zum Morgen.

In einer alten Sage wird ein Schäfer von einem kleinen grünen Männchen
in einen Berg geführt.
Im Berg glitzert und leuchtet es und er ist voller Gold und Edelsteine.
Der Schäfer stopft sich die Taschen voll.
Plötzlich hört er eine Stimme:
"Vergiss das Beste nicht!"
Die Tür schlägt zu
Der Schäfer kommt nicht mehr heraus.
Die Schätze in seinen Taschen zerfallen zu Staub.

Ich weiß nicht genau, was das Beste ist.

Vielleicht ist es das Staunen über die Schönheit einer Rose.
Vielleicht ist es Aladins Wunderlampe.
Vielleicht der Moment, in dem ich, völlig absichtslos, einfach lebe.
Vielleicht ist es der Augen-Blick einer wirklichen Begegnung, von der ich
mich berühren lasse.
Vielleicht die Stunde, in der ich so richtig tief weinen kann.
Oder der Moment, in
dem ich die Gegenwart Gottes ganz deutlich in meinem Herzen spüre.

Vergesst das BESTE nicht!


von Bärbel Sturm