AGUS e.V.

- Gruppe Nürnberg -

Und so gehen wir zwischen Schmetterlingen und Regenbogen

 

Nein!!!          Nein!!!            Nein!!!

Dieser Gedanke wird vielen von Ihnen als erster durch den Kopf geschossen sein, als sie von der Nachricht des Todes Ihres Angehörigen hörten, oder ihn oder sie gar selbst tot vorfanden.

So, wie mir.

Liebe Mit-Andenkende!

Ich danke Ihnen, dass Sie gemeinsam mit mir meiner Frau Doris gedenken wollen.

Sie nahm sich am 2. Juli 2004 das Leben. Draußen tobte ein Gewitter.

Warum?

Warum sie?

Warum ich?

Warum musste sie sterben? Warum ausgerechnet sie? Sie war doch immer so ein zartes und liebes Wesen. Jede Form der Gewalt lag ihr ferne! Wie kann es sein, dass sie sich so etwas antut?

Warum ich, warum bleibe ich zurück? Warum trifft mich so ein schreckliches Schicksal, mitten im Leben auf so eine gräßliche Weise meine geliebte Frau zu verlieren?

Es gibt keinen Grund. Leben und Tod gehören zusammen, wie Glück und Unglück, wie Schmerz und Lust, wie Trauer und Freude, Regenbogen und Regen.

Jede Zeit in unserem Leben, jede Phase geht vorbei, gleichgültig, ob sie uns gefällt, ob wir sie lieben oder ob sie uns schmerzt, oder wir ihr Ende herbeisehnen. Auf jede noch so finstere Nacht folgt ein neuer Morgen, auf ein Gewitter Sonnenschein und vielleicht ein Regenbogen.

Der bunte Schmetterling, der aus der kleinen unscheinbaren Raupe entsteht, zeigt uns dies. Deswegen befindet sich das Motiv mit den Schmetterlingen auf Doris' Grabmal, eingemeißelt in Stein. Vier an der Zahl, einen großen für sie, drei kleine für unsere drei verlorenen Kinder. So sind sie hier symbolisch, als auch dort im Tod auf ewig vereint.

Ein so intensiver, farbenprächtiger und lückenloser Regenbogen, wie nie zuvor gesehen, zeigte sich nach dem Gewitter damals am Himmel, nachdem ich sie gefunden hatte. Er erschien mir wie ein Zeichen, ein prachtvolles Tor, durch das sie gehen konnte und mir und ihr sagte, dass sie dort, wohin sie ging, von ganzem Herzen willkommen ist und dass es ihr dort gut ergehen wird.

Ihre Trauer um unsere verlorenen Kinder wird es gewesen sein, die sie in einen Zustand führte, den die Mediziner Depression nennen. Eine entsetzliche Erkrankung, die jeden treffen kann, auch viele trifft, und eben manchmal in den Tod führt. Eine Krankheit, die man niemandem ansieht. Die so rätselhaft und nur so unsicher zu behandeln ist. Die oft genug nicht nur den Kranken, sondern auch die Angehörigen, die Freunde, die Familie und die Ärzte an den Rand der Verzweiflung führt.

Und so fragen sich alle, die zurückbleiben: wie konnte es geschehen? Warum haben wir sie nicht gehalten? Hat sie uns nicht vertraut, warum haben wir ihr vertraut?

Es ist die Frage nach der Schuld. Haben wir die Schuld an diesem Tod? Tragen wir die Verantwortung? Oder sie selbst? Hat sie sich schuldig gemacht? Das sind sicherlich Fragen, die jeder für sich beantworten muss, sicherlich auch Fragen nach dem Verständnis von Schuld.

Nein, ich denke, niemand ist Schuld. Nicht sie, nicht wir. Letzten Endes, so denke ich, ist sie krank geworden und gestorben, so wie andere an Krebs oder Aids sterben müssen. Es hat sie niemand getötet!

"Niemand ist der Herr seines Weges, und kein Mensch hat die Macht, den Gang seiner Schritte zu bestimmen."

Wir alle haben mit ihr um sie gekämpft, standen an ihrer Seite und haben versucht, zu helfen, so hilflos wir uns dabei auch vorgekommen sind. Alle waren für sie da, Familie, Freunde, Ärzte, Kollegen und Nachbarn, und all ihnen, die an meiner Seite um sie gekämpft haben, gebührt mein Dank.

Der Kampf war nicht aussichtslos. Und er war auch nicht umsonst. Auch wenn wir uns einen anderen Ausgang erhofften und es uns nicht gefällt, was wir erhielten, so ging sie doch mit dem Wissen, dass es viele Menschen gibt, die sie liebten und lieben. In den Herzen all derer lebt sie nun weiter, hier hat sie ihren Platz gefunden. Es ist der Platz, an dem sie immer sein wollte. So hat sie ihr lang ersehntes Ziel nun erreicht.

Weiterleben

Ich kann nicht mehr für sie tun, als den Platz in meinem Herzen, den sie jetzt bewohnt, für sie so behaglich zu machen, wie ich nur kann. Wer von uns wollte in einem vergrämten, schwarzen Herzen wohnen, voller Einsamkeit, Schuldgefühle, Leid und Traurigkeit? Durch Augen blicken, die nur Dunkelheit und Finsternis sehen? Wo sie doch die Freude so genoß, gerne unter Leuten und fröhlich war und die bunten Farben der Welt - wie die des Regenbogens - zu allen Jahreszeiten so liebte!

Ist es, so gesehen, nicht eine wundervolle Aufgabe, ihr nun ein warmes Nest im Innersten des Herzens zu bauen, wo sie sich wohl fühlt? Wo ich weiß, dass ich sie immer bei mir habe, dass sie meine Freuden teilt, mich tröstet, wenn ich trostlos bin, dass wir uns wortlos verstehen und unsere Gefühle die Brücke sind, die uns immer noch miteinander verbindet?

"Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot, nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird."

So ist es nicht nur sie, die sich durch ihren Tod einem Wandel unterwirft. Auch ich, und wir alle, die wir zurückbleiben, sind nicht mehr die, die wir zuvor waren. Die schreckliche Erfahrung des unmittelbar nahen Todes, der schmerzvolle Verlust hat meine Seele geöffnet, mich empfindlich gemacht, sensibel, meine Augen, mein Herz und auch meinen Verstand weit geöffnet.

Nie habe ich mehr gelernt als in dieser Zeit! Völlig neue Erfahrungen habe ich machen müssen, aber wie viele davon waren auch gute Erfahrungen? Man reift - nach und nach - weiß die Zeit zu schätzen, weiß die Erinnerung zu schätzen. Wir wissen alle, da wir heute hier zusammengekommen sind, was uns Freundschaft, Gemeinschaft und Gemeinsamkeit bedeuten!

Nichtsdestotrotz erwirbt man mit so dramatischen Vorfällen keinen Bonus, keinen Vorteil, keinen Kredit. Das Leben geht unbarmherzig voran. So starb 4 Monate nach meiner Frau meine Mutter an Lungenkrebs, und weitere 5 Monate später meine Schwester durch einen Herzinfarkt. Auch ihrer möchte ich hier und jetzt gedenken.

Ich lerne - langsam - wieder, zuversichtlich zu sein, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich muss aber gleichwohl auch lernen, die mich liebevoll umfangenden Arme all derer, die mir in meiner Trauer beistehen, loszulassen, um auf den eigenen Beinen fest stehen zu können. Ich habe nicht das Recht, von ihnen zu verlangen, dass sie in gleicher Tiefe und Dichte über die gleiche Dauer mit mir trauern.

Dennoch werde ich lernen, wieder jung zu sein, muss lernen, ein neues Leben aufzubauen, von vorn zu beginnen. Ich muss lernen, mit dem Schmerz zu leben, nach und nach das Vergangene abzuschließen, und mir dabei die Erinnerung wie einen kostbaren Schatz zu bewahren. Die Erinnerung an die gemeinsame Zeit, aber auch an das Leid und die schlimmen Zeiten, als Teil meines Lebens, meiner Vergangenheit anzunehmen.

"Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."

Sie wissen wie ich, dass das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann, so gern wir es auch möchten. Aber das Geschehene gab einen Impuls, einen Stoß: und wir selbst sind es, die nun bestimmen, in welche Richtung der Stoß geht, sich unser Wandel vollzieht, in welche Zukunft wir gehen. Die Ziele, die wir uns setzen, sind es, die die Richtung in unserem neuen Leben vorgeben.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wohlan dann, Herz, nimm Abschied und gesunde!"


Andacht am Freitag, den 18.11.2005, 19:00 Uhr, Öffnet externen Link in neuem FensterSt. Klara
gehalten von Thorsten Ziege